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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.11.2002

Was Goldhagen einmal lesen sollte

04. November 2002

Gleichzeitig mit Daniel Goldhagens umstrittener Diskussionsreise durch Deutschland, aber ohne Trommelwirbel, brachte die Wissenschaftliche Buchgesellschaft die erste deutschsprachige Ausgabe eines der frühesten christlichen Dokumente auf den Markt, der sogenannten Spruchquelle Q: eines christlichen Dokuments aus dem Innern des antiken Judentums, eines Dokuments, in dem heftig innerjüdisch polemisiert und zugleich eine Wurzel abendländischen Pazifismus gelegt wurde (Paul Hoffmann und Christoph Heil [Hrsg.]: "Die Spruchquelle Q". Studienausgabe. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002. 185 S., kart., 19,90 €). In der explosiven Situation vor und während des nahöstlichen Jüdischen Krieges gegen die Römer (66 bis 70 nach Christus) bildeten die Träger dieses Büchleins eine der wenigen pazifistischen Gruppen innerhalb Israels, die gegen das Eskalieren der Gewalt zu wirken suchten. Ihre Texte wurden im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts von den Evangelisten Matthäus und Lukas aufgegriffen und vermochten so, über Jahrtausende hinweg, den abendländischen Wertekanon mitzubestimmen.

 

Sie waren fromme Juden, sie folgten den Vorschriften der Tora. Doch zugleich verkündeten sie Jesus von Nazareth als in naher Zukunft wiederkommenden Weltenrichter. Sie sammelten die Aussprüche, die von diesem Propheten umliefen. Sie predigten das von dem Nazarener propagierte Gottesbild - und zogen die ethischen Konsequenzen daraus: "Wie euer Vater barmherzig ist, so seid selber barmherzig." "Er läßt seine Sonne aufgehen über Schlechte und Gute", deshalb "liebt eure Feinde, damit ihr Kinder eures Vaters werdet". "Dem, der dich auf die Wange schlägt, halte auch die andere hin." Wer "Königreiche der Welt" begehre, lasse sich auf einen Pakt mit Satan ein. Die gewaltsame Machtprobe mit den Römern war für diese jüdischen Jesusanhänger keine Option.

 

Kein Wunder, wenn solch unbequeme Mahner nicht nur auf Gegenliebe stießen. Auf die Ablehnung reagierten sie ihrerseits mit deftiger - innerjüdischer - Polemik: "Diese Generation ist böse." Sie solle sich an einer Ausländerin wie der Königin von Saba ein Beispiel nehmen, die, anstatt Wahrheit zu verachten, dereinst Reisestrapazen nicht scheute, um Salomos Weisheit zu hören. Im Weltgericht werde "von dieser Generation" Israels das Blut aller Propheten "eingefordert" werden, die Israel in seiner langen Geschichte tötete. "Wehe euch, ihr baut die Grabdenkmäler für die Propheten, die eure Väter getötet haben." Starke Worte aus dem Mund von Juden - aber keine "antisemitischen" Äußerungen, wie Goldhagen glauben machen will.

 

In der innerjüdischen Streitkultur wurde stets mit scharfen Waffen gefochten. Und die Propheten, die dieses Spruchbüchlein zusammenstellten, zögerten nicht, auch ihre eigenen Jesus-gläubigen Anhänger innerhalb Israels mit dem Zorngericht Gottes zu bedrohen: "Wer zwar hört, aber nicht tut, baut sein Haus auf den Sand. Die Sturzbäche kommen, und der Einsturz ist gewaltig." Treulose Diener wird der Weltenrichter "vierteilen". Zimperlich waren sie nicht mit ihren Worten, diese Propheten, die sich innerhalb Israels auf Jesus beriefen.

 

Problematisch wurde ihre Polemik erst, als diese später in einer vornehmlich heidenchristlichen, von Israel abgenabelten Kirche hämisch zitiert wurde. Einem Evangelisten Matthäus, auch er Jude von Geburt und dem Toragehorsam verpflichtet, ist zugute zu halten, daß er die schroffen Gerichtsaussagen der Spruchquelle Q gegen Israel noch nicht aus schadenfroher Distanz überlieferte, sondern seinen von den Synagogen bereits getrennten Christengemeinden ein ebensolches Gericht in Aussicht stellte, wenn sie nicht "Gerechtigkeit" übten. Bei Judenchristen wie Matthäus und Paulus war Kritik an Israel unauflösbar mit christlicher Selbstkritik verbunden, was eine unbequeme, aber bleibende Herausforderung des Neuen Testaments für die abendländische Kultur darstellt.

 

"Antisemitisch" wurden markige Zitate wie die aus der Spruchquelle Q erst dort, wo sie in der abendländischen Rezeption des Neuen Testaments ohne solche Selbstkritik und ohne die neutestamentliche Besinnung auf Gewaltverzicht und Liebe ungeliebten Juden um die Ohren geschlagen wurden. Diese Geschichte läßt sich ebensowenig ungeschehen machen, wie das Neue Testament umgeschrieben werden kann. Verantwortlich und informiert mit diesem geschichtlichen Erbe umzugehen ist die Aufgabe der Heutigen, nicht Geschichtskosmetik, wie sie Goldhagen fürs Neue Testament vorschlägt.

 

Die jetzt vorliegende deutschsprachige Ausgabe der Spruchquelle Q trägt zu solcher Informiertheit bei. Eine internationale Forschergruppe rekonstruierte in jahrelanger philologischer und historischer Kleinarbeit den griechischen Wortlaut des Spruchbüchleins, dessen Stoffe nicht nur von den Evangelisten Matthäus und Lukas, sondern auch außerbiblischen Autoren wie dem des Thomasevangeliums zitiert wurden. Die Bamberger Neutestamentler Paul Hoffmann und Christoph Heil machen das Resultat des Forschungsprojekts der breiten deutschen Öffentlichkeit zugänglich, indem sie es mit einer geglückten deutschen Übersetzung versehen, eine historische Einleitung in das Werk liefern und Interessierte sogar den Rekonstruktionsprozeß nachvollziehen lassen. Auf diese Weise wird ein frühchristlich-jüdisches Dokument erschlossen, das einmal mehr die Pluriformität des frühen Christentums illustriert. Die romantische Vorstellung, das Christentum sei anfänglich monolithisch aufgetreten und habe erst später sich in verschiedene Richtungen aufgespalten, ist von der Forschung seit langem widerlegt, aber der Öffentlichkeit wenig bekannt. Das Spruchbüchlein Q, ein Dokument des Juden- wie des Christentums gleichermaßen, wird den jüdisch-christlichen Dialog befruchten.

 

PETER LAMPE

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2002, Nr. 256 / Seite 42

Nachdruck in: Peter Lampe: Küsste Jesus Magdalenen mitten auf den Mund? Provokationen - Einsprüche - Klarstellungen, Neukirchen-Vluyn 2007, 41-44.  

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